»Achtung, Wirus!«
Wie man sich vor Ansteckung schützt
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Martin Hartwig
55 min – Produktion DLFK 2021

Wer nicht Kaspar Hauser heißt, kommt unweigerlich aus einer Herkunftsfamilie. Ihr entronnen, darf er endlich ein Ich sein. Darf er? Nein! Die Familie lässt ihn nie aus ihren Fängen, und an jeder Ecke lauern lockend und schmeichelnd, drohend und herrschend neue Kollektive und Gemeinschaften, Teams und Banden, Cliquen und Clans. Sie tarnen ihre Absichten mit Vokabeln wie Gemeinschaft, Gemeinwohl, Gemeinsinn, wollen das Individuum aber bis zur Unkenntlichkeit vereinnahmen. Die Menschheitsgeschichte hat gezeigt: Das Wir ist keine Verheißung, sondern eine Gefahr. Im Großen ballte es sich zu Armeen zusammen und gebiert Diktaturen, im Kleinen ist es für Duckmäuserei und Verantwortungsdiffusion verantwortlich. Ein Kollektivgewissen gibt es nicht, nur Individuen sind moralfähig. Vom »Wirus« sollte man sich daher keinesfalls anstecken lassen und muss dazu erkennen, wo es überhaupt grassiert.

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»Was wissen wir wirklich?«
Plausibilität und Evidenz in der Wissenschaft
Regie Beatrix Ackers, Redaktion Martin Mair
30 min – Produktion DLFK 2021 / Übernahme ORF 2021

Kausalität ist das Beste: Etwas hat eine Ursache, daraus resultiert stets eine Wirkung. Klassische Naturgesetze funktionieren so. Doch die moderne Welt geht darüber hinaus; die meisten Vorgänge sind komplexer, als dass sie sich auf eine oder wenige Ursachen zurückführen ließen. Wenn wir glauben, etwas zu wissen, bewegen wir uns im weiten Feld zwischen Falschannahmen, Plausibilität und Evidenz. Evidenzen sind teuer im Nachweis und bleiben selten. Dagegen verzichtet das Konzept »Plausibilität« bei seinen Entscheidungen auf letzte Ursachen. Darin stecken allerdings Gefahren: Jede große Datenmenge weist statistische Zusammenhänge auf, doch diese sind oft nicht sinnvoll. Zudem ziehen wir falsche Schlüsse, wenn unser Gehirn in den Zufall ein Muster hineininterpretiert. Im Alltag und in den Medien, in Wirtschaft und in der Politik gilt Plausibilität als praktischer denn Evidenz. Aber genügt ihr Grad an Verlässlichkeit für die Wissenschaft?

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»Die große Toilettenpapierkrise von 2020«
Marktverstopfung, gefühlter Mangel, Hamsterdrang und Lieferkettenbruch im Kapitalismus
Regie Roman Neumann, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLFK 2020

Wenn man einen Gast bittet, zur Party lieber Klopapier als Wein mitzubringen, befindet man sich dann im Mangelsozialismus à la Venezuela? Nicht unbedingt – 1973/74 war dies monatelang in den USA der Fall. Die Marktwirtschaft ist ein sensibler Organismus, der unter Krisen und Befindlichkeitsstörungen leiden kann. Zweifellos wird 2020 als Coronajahr in die Geschichte eingehen, aber spätere Generationen sprechen womöglich nur von der „Großen Toilettenpapierkrise“. Weltweit kam es zu Hamsterkäufen des leicht zu substituierenden Verbrauchsguts, während Pralinen- oder Champagnerhersteller auf ihrer Genussware sitzenblieben. Was stimmt da nicht mit dem Kapitalismus? Das Feature dokumentiert Anomalien der Marktwirtschaft: Wo Menschen zu hamstern beginnen, da brechen Lieferketten, da stauen sich andernorts Waren, da gerät eine fein austarierte Ökonomie in die Schieflage. Zwischen Vorsorge und Nachfrageschock liegt nur ein schmaler Grat an funktionierender Versorgung. Unabhängig vom politischen System rückt dabei stets das stille Örtchen in den Fokus: Selbstredend hatte auch Venezuela seine Toilettenpapierkrise, die frühe DDR nicht minder. Wenn die Verdauung das Ende des Konsumvorgangs bedeutet – ist die Klopapierversorgung dann nicht die Achillesferse der Konsumgesellschaft?

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»Die ganze Welt in einem Buch«
Vom wunderlichen Hang zu 1.000 Seiten plus
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Jörg Plath
57 min – Produktion DLFK 2020

Jeder mag den dicken Roman. Autoren, weil sie endlich alles sagen können; Leser, weil ihr Vergnügen lange währt; Verlage, weil sich damit etwas verdienen lässt. Keiner mag die schwere Schwarte: Kritiker, weil sich die Lektüre hinzieht; Lektoren, weil sie den Überblick verlieren; Buchhändler, weil der Platz knapp wird. Ob mit elitärer Feder oder als leichte Unterhaltungsliteratur geschrieben – dicke Romane sind eine Konstante der Literaturgeschichte. Wie passen sie in unsere durchgetaktete Welt? Welche praktischen, ästhetischen und ökonomischen Probleme bergen diese 1.000 und mehr Seiten umfassenden Projekte? Ein dicker Roman ist jedenfalls nicht einfach eine überdehnte Geschichte; er ist ein Werk, dessen Schöpfer glaubt, es könne ohne Substanzverlust nicht kürzer sein. Irren die Autoren? Strafen die Leser sie mit Verweigerung? Zumindest verlängert ein achtgebietender Umfang die Verweildauer des Buches im Regal: Ob „Mann ohne Eigenschaften“ oder „Krieg und Frieden“ – in den Regalen schubst Dickes das Dünne regelmäßig vom Brett: Weil man es noch nicht gelesen hat, doch irgendwann ganz sicher lesen will.

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»Hinterlassenschaften«
Vom Umgang mit Vorgefundenem
Regie Thomas Wolfertz, Redaktion Klaus Pilger
52 min – Produktion DLF 2020

Etwas ist da, und es ist nicht von mir – eine Hinterlassenschaft. Spuren der Vergangenheit im Leben der Gegenwart. Manchmal kurzlebig, oft beständig. Normalerweise nehmen wir sie nicht wahr, manchmal aber stolpern wir darüber. Wie über den Hundehaufen auf dem Gehweg. Über vermachte Schulden. Wie soll man damit umgehen? Sollte man die negativen Hinterlassenschaften forträumen, um den Berg nicht weiter anwachsen zu lassen? Sich ihnen aktiv verweigern? Oder muss man die Hinterlassenschaften einfach belassen, wo sie sind, womit man zugleich ihre Existenz befestigt? Manche Hinterlassenschaft muss man akzeptieren. Sind Hinterlassenschaften also einfach Glück oder Pech? Oder stellen sie einen nicht eher vor die Aufgabe, originelle Umgangsweisen damit zu suchen? Obwohl alle Menschen im Laufe ihres Lebens mit Hinterlassenschaften zu tun bekommen, gibt es kaum Handreichungen, wie man damit umgehen soll. Anhand überraschender Beispiele entwickelt das Feature ein ironisches Handout zu Hinterlassenschaftsbewältigung: Tabula rasa wäre eine Fiktion.

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»Rhizomfrei 2025«
Wie ich den Bambus liebte und verstieß
Regie Alexander Schuhmacher, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2020

Ein Haus wird bezogen, der Garten gestaltet: Bambus soll vor neugierigen Blicken schützen. Und er gedeiht prächtig: acht Meter hoch. Aber leider wächst er auch breit, unterwandert Terrasse und Grundstücksgrenzen. Nach 15 Jahren Kampf mit dem Bambus-Rhizom gibt Autor Florian Felix Weyh auf: Ausbaggern und vernichten – und ein Feature über Bambus machen. Was er dabei erfährt, übersteigt seinen eigenen Gartenalptraum. Es gilt rhizomfrei zu werden. Bis 2025. Solange dauert es. Wer diese Zeit nicht aufbringt, sollte den Rat des Bambus-Papstes beherzigen: »Verkaufen Sie Ihr Haus rechtzeitig!«.

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»Hohn und Sport«
Von Schadenfreude und Stimmungskanonen
Redaktion Jörg Degenhard
23 min – Produktion DLFK 2020 / Wiederholung 2020

Sport ist eine ernste Sache, Hochleistungssport sowieso. Schließlich geht es um Selbstdisziplin und Konzentration im Training und beim Wettkampf. Aber Sport und Humor, Sport und Komik – meist unfreiwillig! – schließen sich nicht aus. Nicht selten kommt auch noch Hohn ins Spiel. Dass der nach hinten losgehen kann, bewies vor Jahren die österreichische Ski-Nationalmannschaft. In einer Zeitungsanzeige verspottete sie die Schweizer Konkurrenz, schloss dann aber mit dem versöhnlich gemeinten Satz: »Aus dem Ei des Mitleids ist schon oft die Henne der Liebe geworden.« Da lachen ja die Hühner. Oliver Welke hatte es mal mit dem Gummistiefelweitwurf. Angeblich eine Erfindung der Finnen. Alles nur Klamauk? Nein – Lachen ist schließlich Muskeltraining.

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»Die Teff-Story«
Irrungen und Wirrungen um das kleinste Getreide der Welt
Regie Stefanie Lazai, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLFK 2020

Das kleinste Getreide der Welt fristet in Europa ein Schattendasein. Vielen gilt Teff – eine Zwerghirseart – zwar als so genanntes »Superfood«, doch bekommt man es hierzulande nur teuer in Bioläden zu kaufen. Ein Nischenprodukt. Die anspruchslose Pflanze, die lange Trockenzeiten und Hitze klaglos übersteht, könnte wegen des Klimawandels allerdings eine Zukunft in Europa haben. Allerdings war in der EU über ein Jahrzehnt lang ihre Nutzung von einem niederländischen Patent blockiert. Erst im vergangenen Jahr brachte es ein deutscher Anwalt zu Fall. Theoretisch könnte Teff auf norddeutschen Sandböden die Erfolgsgeschichte der Kartoffel wiederholen. Wird es dazu kommen?

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»Die Knappheit, das Alter und der Tod«
Die Tragödie der Triage im Zeitalter der Pandemie
Regie Frank Merfort, Redaktion Martin Mair
30 min – Produktion DLFK 2020

In der Corona-Krise könnten auch Krankenhäuser in Deutschland überfordert werden. Wenn die Zahl der Beatmungsbetten nicht ausreicht, stehen Mediziner vor einer grausamen Aufgabe: Sie müssen entscheiden, wen sie behandeln und wen nicht. Die Triage ist ein ethisch kaum lösbares Dilemma: Welche Patienten haben Priorität? Soll nach Alter, Verfassung oder gar Los entschieden werden? Eine sehr persönliche Sendung über unser aller Sterblichkeit.

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AUSGEZEICHNET MIT DEM PUBLIZISTIKPREIS DER STIFTUNG GESUNDHEIT


»Die Entbabelung der Welt«

Esperanto, Volapük und Klingonisch – Plansprachen heute
Regie Frank Merfort, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLFK 2019 / Übernahme HR 2021

Im 19. Jahrhundert erzeugte die Telegrafie Effekte wie heute das Internet: Entfernungen schrumpften, plötzlich konnte man fast ohne Zeitverzögerung über Kontinente hinweg kommunizieren. Wo die Welt nur noch ein Kommunikationsraum ist, stört die babylonische Vielsprachigkeit. Fast zwangsläufig entstand der Wunsch nach einer künstlichen Weltsprache. Mit Volapük schuf 1879 der deutsche Priester Johann Martin Schleyer das erste funktionierende Konzept einer solchen Plansprache, fast zeitgleich entstand das Esperanto des polnischen Arztes Ludwig Zamenhof. Der Wille zur Völkerverständigung brachte vor dem Ersten Weltkrieg einen wahren Boom an Plansprachen hervor, freilich immer begleitet von Streit und Abspaltungen in der jeweiligen Community. Bis heute zählt man mehr als 500 artifizielle Sprachensystemprojekte, von denen viele nur kurz existierten. Esperanto überlebte, weil es weltweit genügend Sprecher gewinnen konnte. Ist im Internetzeitalter die Plansprachenidee endgültig passé, weil sich alle auf ein rudimentäres Basic Englisch geeinigt haben? Studien haben zumindest bewiesen, dass sich das ausnahmefreie Esperanto mit seiner logisch aufgebauten Grammatik und Wortbildung viel leichter lernen lässt als jede normale Fremdsprache.

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»Alles nur Routinen!«
Geschichte(n) der Programmiersprachen in einer Langen Nacht
Regie Philippe Bruehl, Redaktion Monika Künzel
180 min – Produktion DLF 2019

Programmiersprachen sind jung, veralten aber rasch. Das Wissen über frühe Programmiersprachen stirbt aus, doch eigentlich braucht man dieses Wissen noch. Längst steuern sie unser Leben bis in private Details hinein. Auf den ersten Blick abschreckend technisch und mathematisch, steckt das Feld voller erzählenswerter Geschichten, nicht zuletzt, weil es von exzentrischen Persönlichkeiten geprägt wurde. Darunter an maßgeblicher Stelle Frauen wie Grace Hopper, die als erste überhaupt einen Zugang zum Maschinencode von 0 und 1 über Wortbefehle entwickelte. Von lochkartengesteuerten Webstühlen im 19. Jahrhundert bis zum »Spaghetticode« des mit dem ersten Homecomputer C64 populär gewordenen »Basic«, vom russischen Ternärcomputer mit dreiwertiger Logik bis zur Utopie des »schönen Codes« reicht das Spektrum. Am Ende weiß man vom »Plankalkül« des Konrad Zuse über die Kinder-Programmiersprache »Logo« bis hin zur fast unsterblichen Universalsprache »C++«: Das sind alles nur nachvollziehbare Routinen! Wer Angst davor hat, entmündigt sich selbst.

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»Eigentum verpflichtet«
Hörbild über einen löblichen Verfassungsgrundsatz
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLFK 2019

»Eigentum verpflichtet«, dass es dieser maximal kurze Satz ins Grundgesetz schaffte, ist Hugo Sinzheimer zu verdanken. Als bedeutender Jurist und wichtiges SPD-Mitglied war er die treibende Kraft dahinter, dass die Idee als § 153 in der Weimarer Verfassung von 1919 fixiert wurde. Durch seinen Schüler Carlo Schmitt ging dieser Absatz auch ins Grundgesetz über. Doch was heißt das konkret? Dass welke Salatköpfe in Supermärkten verschenkt werden müssen? Dass man Wohnungsunternehmen enteignen darf? Dass IT-Giganten ihre Datensätze allen zur Verfügung stellen sollen? Dass Privatgärten für öffentliche Picknicks geöffnet werden müssen? Ganz zu schweigen vom Anspruch auf kostenlosen Miturlaub auf Yachten der Superreichen? Artikel 14 GG stimuliert die Fantasie wie kein anderer Verfassungsgrundsatz. Welche Wünsche, Zukunftshoffnungen, Ängste verbinden sich mit ihm?

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»Torschrei und Totenstille«
Wie Sport klingt
Redaktion Jörg Degenhard
23 min – Produktion DLFK 2019 / Wiederholung 2019

Seit 2014 fressen V6-Motoren der Formel 1 weniger Sprit als zuvor. Vor allem sind sie leiser geworden. Gut so? Nein, die Fans gingen auf die Barrikaden: Autorennen müssen dröhnen, sägen, röhren! Bei Schachmeisterschaften kann schon Hüsteln spielentscheidend sein. Lärm, Stille und Sounds prägen den Sport. Welchen Schaden, welchen Nutzen hat Lärm? Wie wirkt sich Stille aus? FC Bayern gegen Borussia Dortmund ohne Fanunterstützung? Undenkbar! Für viele Sportlehrer wird dagegen der Unterricht zur akustischen Zumutung: Kinder können derart kreischen, brüllen, stampfen! Zwischen „WRRROOAM“ und „PSSSST!“ liegt der Sound. Ihn setzt die Sonifikation für Trainings- und Rehazwecke ein: Wer die eigene Muskelarbeit hören kann, korrigiert Bewegungsfehler leichter. So kommt der Sport ins Klingen.

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»Wie eine Stadtverpflanzung gelingt«
Kaufbeuren und seine Vertriebenen in Neugablonz
Regie Karena Lütge, Redaktion Frank Ulbricht
55 min – Produktion DLFK 2019

»KF« heißt das Autokennzeichen von Kaufbeuren. »Keine Flüchtlinge« las mancher schon böswillig die beiden Buchstaben. Ist das bayrische Oberzentrum mit seinem mittelalterlich geprägten Stadtbild unwillig Gäste aufzunehmen? Keineswegs. Wenn man sich »Tor zum Allgäu« nennt, muss man der Welt schon offen gegenübertreten. Das taten die Kaufbeurer bereits Ende der 1940er-Jahren, als sie auf dem Gelände einer ehemaligen Sprengstoff-Fabrik eine komplette Kleinstadt für Flüchtlinge namens Neu-Gab­lonz ermöglichten. Im Gegensatz zu anderen deutschen Vertriebenensiedlungen kamen nicht Menschen von überallher, sondern nur die Bevölkerung des tschechischen Gablonz. Sie brachte ihre berühmte Schmuck- und Glasproduktion mit und baute erfolgreich einen neuen Industriezweig auf. Die Vermischung der alteingesessenen Allgäuer Schwaben mit den zugewanderten Sudentendeutschen brauchte allerdings seine Zeit, wovon der Spruch mit dem Autokennzeichen zeugt. Obwohl man hie wie da katholisch war, heiratete man lange nur innerhalb der eigenen Gruppe. Ist Kaufbeuren mit Neu-Gablonz dennoch ein Erfolgsbeispiel für gelungene Integration?

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»Überschritten – jetzt Gefahr!«
Wie Grenzwerte unser Leben beeinflussen, und was ethisch daraus folgert
Regie Roman Neumann, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLFK 2018 / Wiederholung 2020

Pommes: zu viel Acrylamid! Büroluft: gefährliche Radonkonzentration! Musikclubs: zu hoher Lärmpegel! Akkusäge: Vibrationsemission überschritten! Blutdruck: behandlungsbedürftig! Autodiesel-Abgase: tödlich! Schiffsdiesel-Abgase: tolerabel. Gesellschaft funktioniert nur mittels Regeln und Normen. Verstöße sind nicht tolerabel. Aber der Geltungsbereich von Normen variiert, denn oft werden erst jenseits eines Grenzwertes Sanktionen fällig: Ein bisschen Feinstaub ist okay, zu viel verboten. Ein bisschen Übergewicht darf sein, ein Body-Mass-Index über 30 ist adipös. Sobald ein Grenzwert wissenschaftlich ermittelt und politisch festgeschrieben worden ist, setzt sich eine Kettenreaktion in Gang. Verhaltensweisen und Produktionsverfahren müssen verändert oder aufgegeben werden, Wirtschaft und Gesellschaft entstehen hohe Kosten, um Grenzwerte einzuhalten. Auf der anderen Seite erwachen Profiteure: Zum Wohlgefallen der Pharmaindustrie gelten von einem Tag zum anderen mehr Menschen als krank, weil sich ein medizinischer Normwert verschoben hat. Grenzwerte sind ein Politikum und damit eine ethische Herausforderung. Wer sie setzt, ob als Wissenschaftler oder Politiker, sollte ideologiefrei alle Folgen abwägen. Ist das immer so? Oder simuliert die Politik der Grenzwerte nur trügerische Sicherheit vor vielen Daseinsrisiken?

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»Auch Code hat eine Vergangenheit«
Warum wir historisches Wissen über Programmiersprachen brauchen
Regie Frank Merfort, Redaktion Jana Wuttke
30 min – Produktion DLFK 2018

COBOL war schuld: Zum Jahrtausendwechsel bangten weltweit Firmen, dass ihre Computer abstürzen würde. Denn die in den 1950er-Jahren entwickelte und weit verbreitete Programmiersprache COBOL enthielt für Jahreszahlen nur zwei statt vier Datumsfelder. Passiert ist in dieser Silvesternacht dennoch wenig, weil sich der lange zuvor erkannte Mangel leicht beheben ließ. Die Lehre daraus lautete allerdings: Trotz schneller Alterungsprozesse bei Computerhardware sollte man historisches Wissen über Programmiersprachen besitzen. Denn da sich Software der Hardware-Entwicklung verblüffend gut anzupassen vermochte, sind Sprachen der ersten Generation wie FORTRAN und COBOL bis heute im Einsatz, von exotischen Softwaredialekten ganz abgesehen. Erlischt dieses Wissen mit dem Tode der Programmierer, lebt aber als unverstandener Code in Großcomputern von Banken, Versicherungen, Behörden weiter?

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»Schiefe Töne«
Eine Sangesgeschichte von Scham und Scheitern
Regie Philippe Bruehl, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF 2018 / Übernahme SWR 2019 / Übernahme WDR 2020

Gut sprechen kann der Autor und Moderator Florian Felix Weyh. Aber wenn er seine Stimme zum Gesang erhebt, wird es peinlich für ihn und peinigend für andere. Er kann nicht singen und beherrscht die Technik nicht. Was tun? Er hat Panik, dass er sich mit seinen schiefen Tönen bis aufs Mark blamiert und bekommt Herzrasen. Trotzdem will er seit jeher singen. Soll er bis ans Lebensende die Stimmbänder davon lassen und souverän ein sprechender Nichtsänger bleiben? Oder sich wagemutig aufs Feld von Scham und Scheitern begeben? Gewiss ist er kein Einzelfall, das beweisen »Ich-kann-nicht-Singen«-Chöre in etlichen Städten. Also heißt es Leidensgenossen suchen, Rat und Schulung in Anspruch nehmen und dem Risiko ins Auge blicken, dass er am Ende als komplett amusischer Mensch dasteht.

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»Hollenbach – Wie bleibt man produktiv?«
Reihe: »Wirtschaft denken«
Regie Frank Merfort, Redaktion Martin Hartwig

30 min – Produktion DLFK 2018

Menschen arbeiten, um etwas zu erzeugen. Je ausgefeilter ihre Technologie wird, desto mehr können sie mit gleichem Arbeitseinsatz hervorbringen. Das ist der volkswirtschaftliche Kernsatz der Produktivität. In einer Konkurrenzsituation bedeutet das für die einzelnen Unternehmen einen andauernden Effizienzdruck. Sobald einer an der Technologieschraube dreht, müssen die anderen mitdrehen. Das tut die Firma ebm-papst seit 1963. Als kleine schwäbische Werkstatt mit 36 Angestellten im Dorf Mulfingen gegründet (ebm = Elektrobau Mulfingen), kaufte ebm 1992 das ebenfalls aus einer Tüftlerwerkstatt entstandene Schwarzwälder Unternehmen Papst und hat heute mehr als 14 000 Angestellte weltweit, unter anderem in Mulfingens Nachbardorf Hollenbach. ebm-papst ist Weltmarktführer bei Lüftern und Ventilatoren. Die immer noch in Familienhand befindliche Firma ist für die Frage nach der Produktivität besonders interessant, weil sie als technikaffines Unternehmen ständig die Produktivität erhöht und dennoch Nachhaltigkeitspreise erhält, weil sie immer wieder in die Hitlisten der besten Arbeitgeber Deutschlands gewählt wird und dennoch ihre regionale Verwurzelung abseits der Hotspots nicht aufgibt.

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»Wechselspiele in Ballhausen«
Wie Bundesligatrainer zu ihren Vereinen kommen
Eine Mockumentary, Redaktion Jörg Degenhard
23 min – Produktion DLFK 2018

Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit, steht im thüringischen Ballhausen das DFB-Trainerkarussell. Arbeitslose und gescheiterte Bundesligatrainer werden im ringförmigen Gebäudekomplex mental und physisch wiederaufbereitet, in hoffnungslosen Fällen sogar umgeschult. Doch handelt es sich um mehr als eine Reha-Einrichtung: Jedes Jahr am 1. April werden dort hinter verschlossenen Türen alle Trainerwechsel der kommenden Saison beschlossen. Trotz strikter Geheimhaltungspolitik des DFB und hohen Sicherheitsvorkehrungen gelang es unserem Autor, erstmals mit Absolventen des Karussells, beteiligten Fachleuten und Anwohnern zu sprechen. Nach seinen Recherchen ist sich unser Autor jedenfalls sicher: Die Geschichte der Trainerwechsel muss umgeschrieben werden.

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»Ein Dorf wie aus dem Buche«
Biesenbrow in der Uckermark
Regie Roswitha Graf, Redaktion Margarete Wohlan
55 min – Produktion DLFK 2017

Kirche, Kriegerdenkmal, Dorfteich, altes Herrenhaus, Obstwiesen und unberührte Natur. Doch Biesenbrow, seit 2003 widerwilliger Stadtteil der 17 Kilometer entfernten Kleinstadt Angermünde, ist nicht nur ein Bilderbuchdorf, sondern auch ein literarischer Ort. Durch die Romane Ehm Welks, der in Biesenbrow geboren wurde, hat das Dorf Weltruhm erworben – Kummerow heißt es vielsagend bei ihm. Im Sommer 2017 starteten die 215 Einwohner des Dorfes zusammen mit Profis der freien Schauspieltruppe Theater 89 ein verwegenes Projekt: Drei Jahre hintereinander wollen sie Ehm Welks berühmtestes Buch »Die Heiden von Kummerow« in ihrem Dorf nachspielen. Das Publikum – weit mehr als Biesenbrow Einwohner hat – zieht in einer Zwölf-Stunden-Aufführung von Schauplatz zu Schauplatz mit.

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»Der Chancengenerator«
Warum wir besser mischen und uns weniger einmischen sollten
Regie Iris Drögekamp, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2017

Du hast das große Los gezogen. Glückwunsch! Jetzt essen dich die anderen auf. Denn nur so überleben sie den Schiffbruch. Du kommst in den Rundfunkrat, ins Parlament, kriegst ein Stipendium, ein Transplantationsorgan. Pech gehabt! Denn du scheiterst im Parlament oder stirbst am Transplantat. Leben wir nicht in einer Gesellschaft, die alles nach Kriterien verteilt? Kein Kriterium ist umfassend gerecht, keines funktioniert so perfekt, dass die Welt nicht besser werden könnte. Der Chancengenerator erprobt eine Utopie: Alle Verteilungsprozesse erhalten einen Zufallsfaktor, das Los mischt mit - ja manchmal mischt es verkrustete Verhältnisse erstmals auf. Dabei ärgert der Zufall Ideologen links wie rechts: Er ist nicht an Leistung gebunden (rechts) und garantiert keine Gleichheit für alle (links). In einem Wort: Er ist furchtbar ungerecht. Aber in einer gerechten Verteilung.

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»Schmeiß das weg!«
Lust und Last des Aufbewahrens
Regie Philippe Bruehl, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF 2017 / Wiederholung 2019

Man kann Dinge für sich aufheben oder für andere. Man kann Dinge von sich aufbewahren oder von anderen. Aufgehoben und aufbewahrt wird seit Menschengedenken. Archäologie und Geschichte wären undenkbar ohne Artefakte. Allerdings quillt 70 Jahre nach dem letzten großen Krieg alles über: Schränke, Schubladen, Speicher, Archive. Doch muss man angesichts der digitalen Auflösungsbedrohung nicht gerade besonders eifrig aufheben, sammeln, bewahren? Männer häufen an, Frauen werfen weg. Alte Eltern klammern sich an Nippes, Kinder empfinden den Nachlass als Müll. Der Messie als Extremaufheber kann sich von nichts trennen, der digitale Nomade besitzt nur noch Matratze und Computer. Ein unscheinbares Feld des Alltags, das voller Spannungen steckt.

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»Die Mauer«
Eine stabile Idee im Hörbild
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLR 2017 / Wiederholung 2018

Mauern erzeugen Schutzräume, in denen man Vorräte einlagern kann, und Privaträume, die dem Menschen die Entwicklung von Individualität erlauben. Mauern schützen vor widriger Natur und vor Störenfrieden. Mauern schaffen Geborgenheit und vermitteln ein Sicherheitsgefühl. Hinter Mauern sperrt man Menschen lebenslang ein. Mit einer Mauer hinderte man ein ganzes Volk daran, frei seiner Wege zu gehen. Seit Jahrtausenden halten Mauern Menschen ab, eine Stadt, ein Land, ein Riesenreich zu betreten. Ohne Mauern gäbe es keine Zivilisation. Sie sind die steingewordene Idee von Obhut und Strafe, von Schutz und Abwehr. Keine Mauer ist je neutral aber auch keine von sich aus verwerflich. Warum bauen manche Zeitalter Mauern auf, warum reißen andere sie wieder ab? Die Mauer ist nicht gut. Die Mauer ist nicht böse. Die Mauer braucht Türen und Fenster, um menschenfreundlich zu sein.

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»Mit Schlussstein veraltet«
Was Menschen an sinnlosen Bauprojekten des 19. Jahrhunderts fasziniert
Regie Roswitha Graf, Redaktion Renate Schönfelder
55 min – Produktion DLR 2016

Es ist kalt und zugig in den Kasematten von Fort Hahneberg in Spandau. Der Blick reicht hunderte Meter weit, doch befindet man sich unter hunderttausend Tonnen märkischen Sands. Als die letzte deutsche Festungsanlage 1888 nach Baukosten von vielen Millionen Goldmark eröffnet wurde, war sie bereits funktionslos geworden. Neue feindliche Kanonen schossen weiter, als die Verteidigungslinie reichte. Als der Autor den gespenstischen Riesenbau besichtigt, steigen Bilder seiner Jugend in Ulm auf: Knutschereien auf dem zugewucherten Dach eines Vorwerks, die ständige Konfrontation mit martialischen Bauten auf dem Schulweg. Bis heute die größte Festung Europas, war das 1859 vollendete Ulmer Großprojekt militärisch ebenfalls obsolet. Was tut man mit solchen Hinterlassenschaften? Warnen sie vor heutigen Zeitgeist-Großprojekten wie dem BER? Oder rehabilitiert ihre Nachnutzung den Größenwahn ihrer Bauherren? Vom Theater bis zum Fledermausdomizil, vom KZ bis zur Flüchtlingsherberge bleibt das Spektrum ambivalent. Klar ist nur: Festungen sind ein schlechtes Mittel gegen Angst. Schon vor 150 Jahren funktionierten sie nicht mehr.

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»Die andere Dimension«
Wie der Glaube im Sport mitspielt
Redaktion Jörg Degenhard
25 min – Produktion DLR 2016 / Wiederholung 2018

„Turek, du bist ein Fußballgott!“ Dieser Jubelschrei im WM-Finale 1954 brachte der Radiolegende Herbert Zimmermann mächtigen Ärger ein. Blasphemisch sei das gewesen, der Reporter musste um seinen Job bangen. Durch den weltlichen Sportzirkus sollten religiöse Inhalte nicht entehrt werden. Und heute? Man kennt Fußballstürmer, die sich nach einem Tor bekreuzigen, man weiß um religiös motivierte Probleme im Schulsport. Aber das Verhältnis zwischen Sport und Glauben geht darüber hinaus.

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»Kapitalismus ... irgendwas mit Null«
Über den Verlust des Menschen in der Skalierbarkeit
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLR 2016

Wer ein Startup gründen will, braucht ein skalierbares Geschäftsmodell. Nur so überzeugt man Geldgeber. Die weitgehend menschenunabhängige Skalierbarkeit als Geschäftsprinzip beschert Firmengründern und Investoren unfassbare Gewinne, bedroht zugleich aber das Kräftegleichgewicht zwischen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Die Gewinnmargen in datenbasierten Geschäften sind potenziell gigantisch, vor allem aber extrem verteilungsschief: Da man nur noch sehr wenige Menschen benötigt, entfällt die breite Verteilung der Gewinne über die Arbeitsgesellschaft. Ist der Skalierungseffekt erst einmal als Norm gesetzt, wird er auch dort von Investoren gefordert, wo er gar nicht eintreten kann, an den Übergängen zur realen Welt etwa. Und selbst wenn Begünstigte dieser Entwicklung erklären, ihre Gewinne in Form von Stiftungen wieder zurückgeben zu wollen, verändert der Skalierungskapitalismus die Welt.

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»Mit Gehstock und Zylinder«
Die letzten Stockmacher zwischen Thüringen und Hessen
Regie Karena Lütge, Redaktion Margarete Wohlan
55 min – Produktion DLR 2016 / Wiederholung 2017

Schon unsere Urgroßeltern wussten: Nur ein Stock verankert uns sicher mit dem Boden. Und große Denker wie Thomas Hobbes oder Martin Heidegger gingen nie ohne ihren Stock aus. Hobbes, weil sich im Knauf ein Tintenfass und eine Feder befanden, mit denen er seine Gedanken notieren konnte. Für Martin Heidegger war sein knotiger Wanderstock die Verbindung zur Heimat, dem Schwarzwald. Heute ist der Gehstock aus dem Alltag fast verschwunden. Nur in einer Region Deutschlands spielt er noch eine große Rolle: auf beiden Seiten des ehemaligen deutsch-deutschen Grenzflusses Werra, zwischen Thüringen und Hessen. Die Deutschlandrundfahrt auf der Spur der letzten Stockmacher zeigt, warum der schöne Alltagsgegenstand aus dem Werra-Meißner-Kreis trotz Rollatoren und Nordic-Walking-Metallstöcken eine Zukunft haben könnte: als elegantes Modeaccessoire, das die Natur und die Bewegung darin miteinander verbindet.

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»O Captain! My Captain!«
Wir casten uns die tollsten Lehrer
Regie Philippe Bruehl, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF 2016 / Übernahme NDR 2017 / Wiederholung DLF 2019 und 2021

Die Tür schließt sich, und man ist viele Jahre in einem Klassenzimmer gefangen. Ob die Zeit angenehm und ertragreich oder quälend und nutzlos vergeht, hängt von den Lehrern ab. Wegen der Schulpflicht sind Lehrer wie Gefängniswärter: Ihr Ruf ist miserabel, man hat sie sich nicht ausgesucht. Von schlechten Lehrern kann deshalb jeder berichten, von ungerechten Machtmenschen, Langweilern und desinteressierten Bildungsvollzugsbeamten. Wir aber drehen den Spieß um und casten uns die tollsten Lehrer. Was macht sie aus? Ihre Empathie und Toleranz bis hin zur Kumpelhaftigkeit, wie es sich Schüler ersehnen? Die Fähigkeit, Kinder reibungslos zu einem Superschulabschluss zu lotsen, wie es Eltern vorschwebt? Oder ist der tollste Lehrer im Rückblick der strenge, aber gerechte Pädagoge, dem Großeltern gerne ihren eigenen Lebenserfolg zuschreiben? Doch vielleicht finden wir den allertollsten Lehrer gar nicht in der Schulzeit, sondern daneben oder danach. Vielleicht ist er Fahr-, Reit-, Yogalehrer oder er lehrt an der Universität des Lebens.

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»Wir werden immer GEGEN sein«
Der Dadaismus und seine Folgen
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Jörg Plath
30 min – Produktion DLR 2016

Sie erfanden das Laut- und das Simultangedicht, die Publikumsbeschimpfung und die Polit-Kunst-Performance. Als im Februar 1916 die Dadaisten in Zürich die ehrwürdigen Säulen der Kunst durch unerhört nihilistische Kleinkunst pulverisierten, legte sich Europa gerade in Schutt und Asche. »Man sollte aus einer Laune nicht eine Kunstrichtung machen«, notierte Hugo Ball jedoch schon wenige Wochen nach dem Eröffnungsabend im Cabaret Voltaire, und 1922 begruben die Dadaisten die Mischung aus Buffonade und Totentanz offiziell: In ihren Augen war Dada vorbei. Hugo Ball wurde radikal katholisch, andere Mitstreiter radikal egoistische Künstler im Kunstmarkt. Aber der Boden, auf dem Avantgarde und belanglose Epigonenkunst gleichermaßen tanzen konnten, war bereitet. Wo das Prinzip Einfall über das Prinzip Arbeit siegt, scheint Kunst mühelos herstellbar und zugänglich zu sein. Dada gehört zu den wirkmächtigsten Kunstentwicklungen des 20. Jahrhunderts. Inzwischen weiß man, dass Dada nicht minder eigenwillige Vorläufer in der künstlerischen Bohème Europas hatte: Christian Morgensterns kabarettistische Lautgedichte etwa oder Jaroslav Hašeks Prager 'Partei des maßvollen Fortschritts in den Schranken der Gesetze', die die Politperformance von Martin Sonneborns ›Die Partei‹ im EU-Parlament vorwegnahm. Hašek bekam damals nur zwei Dutzend Wählerstimmen. Wie die Dadaisten konnte er noch voll und ganz ›gegen‹ sein. Heute wird Gegenkunst ohne Wenn und Dada von der Gesellschaft vereinnahmt.

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»Waswaswas wowowo bistbistbist dududu?«
Mein Anrufbeantworter oder Eine kleine Geschichte des Abhörens
Regie Alexander Schuhmacher, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2015 / Übernahme DLR 2016 / Übernahme DLF 2017 / Wiederholung SWR 2018 / Übernahme RBB 2019 / Übernahme DLFK 2020

Mehr als 20 Jahre lang lagen sie in der Schublade: kleine Mikrocassetten, die einst im Anrufbeantworter steckten, mit mal witzigen, mal hilflosen, mal virtuosen Kommunikationsversuchen. Florian Felix Weyh bewahrte sie auf und hat nun etwas zu erzählen: die Geschichte des Anrufbeantworters von der ersten drei Zentner schweren Telefonaufzeichnungsanlage bis zum heutigen gewichtslosen »Servicemerkmal Mailbox«. Gespeichert, abgehört und – manchmal – weitergeflüstert wird immer noch. Und immer noch redet man mit dem AB wie mit einem alten Freund – oder Feind. Denn manchmal wird besinnungslos geschimpft, gedroht, geflucht. Selbst Bundespräsidenten sind davor nicht gefeit.

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»Sind Einserschüler die besseren Ärzte?«
Über die Selektionsverfahren zum Medizinstudium
Regie Beate Ziegs, Redaktion Kim Kindermann
30 min – Produktion DLR 2015

Wer Medizin studieren will, darf maximal einen Abiturdurchschnitt von 1,2 haben – daran hat auch die Umbenennung der ZVS in »Hochschulstart« nichts geändert. Überwindet man weitere Hürden (Medizinertests, Berufsausbildungen, diverse universitäre Aufnahmeverfahren), besitzt man noch bis 1,9 eine Chance. Danach wird es sehr schwierig ... oder teuer. Künftige Ärzte sind daher gewohnt, in ihrem Umfeld als Elite wahrgenommen zu werden. Doch das anschließende Berufsfeld braucht nicht nur den Primus, sondern auch Menschen, die nicht nur in Unikliniken oder in der Forschung arbeiten wollen, sondern die sich auch als Land- und Provinzärzte verdingen. Damit beginnt das Problem der flächendeckenden Ärzteversorgung schon bei der Auswahl der Studenten. Einzelne Universitäten haben ihr Auswahlverfahren inzwischen für »weiche« Faktoren wie Sozialverhalten geöffnet. Andere wie die neu gegründete Medizinische Hochschule Brandenburg setzen auf eine Verpflichtung der Studenten, ihre Facharztausbildung in unterversorgten Regionen zu absolvieren. Aber hilft das?

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»Klassenkampf in Schulpforta«
Eine Eliteschule, die Abiturientia 1952 und ein Streit nach 60 Jahren.
Regie Beate Ziegs, Redaktion Winfried Sträter
30 min – Produktion DLR 2015

Eine diamantene Abiturfeier 2012, an der der Autor zufällig teilnimmt, endet in einem Zeitzeugenstreit über schulischen Umwälzungen im Sozialismus. Wer erinnert sich richtig, wer sagt die Wahrheit? Können sich die hochbetagten Zeitzeugen von einem Historiker belehren lassen, der ihren Fall akribisch erforscht hat und eine mit den Erinnerungen nicht unbedingt übereinstimmende Arbeit vorlegt?

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»Immer knapp – oder wertlos«
Über das Geld und was wir dafür halten
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLR 2015

Weil normale Menschen über Geld selten abstrakt, sondern allenfalls konkret in ihrem Lebensvollzug nachdenken, konnte die Geldpolitik jahrzehntelang tun, was sie wollte. Doch das naive Geld-Einverständnis der Bürger mit den Notenbankern bröckelt. Staatliches Geld präsentiert sich inzwischen als unzuverlässiger Geselle, den man schlecht taxieren kann. Was etwa seit 100 Jahren als versponnene Idee galt – Ersparnisse als »Schwundgeld« mit einer Strafgebühr zu bewehren – ist inzwischen von der EZB via Negativzins in die Praxis umgesetzt worden. Niemand hätte so etwas je erwartet. Und die biblische Gewissheit, dass Geldverleihen stets Zins erbringt, ist ebenfalls an ihr Ende gelangt; das gesamte Fundament von Sparen und Vorsorge steht damit vor dem Einsturz. Was ist Geld überhaupt noch? An den Rändern des ökonomischen Mainstreams gibt es viele interessante Debatten über Geld und seine Zukunft.

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AUSGEZEICHNET MIT DEM JOURNALISTENPREIS DER PSD-BANKENGRUPPE


»Kein Requiem für Simply Jonathan«
Wenn Pferde beim Rennsport verunglücken
Redaktion Jörg Degenhard
25 min – Produktion DLR 2015

Der Nachmittag auf der Pferderennbahn wird als »Familientag« beworben. Auf den ersten Blick zu Recht: Das Ippodromo di Merano liegt malerisch zwischen Südtiroler Bergen, der Rennplatz fügt sich harmonisch in Natur und Landschaft ein. Und anfänglich ist alles angenehm: schöne Tiere, knisternde Spannung, archaischer Wettkampf. Doch dann kommt es zu Stürzen, ein Pferd bleibt liegen. Simply Jonathan ist tot. Kinder kreischen, die Stimmung im Publikum kippt – nicht aber bei den Veranstaltern. The show must go on! Der Kadaver, nur noch ein Rennbahnhindernis, wird mit einem Schaufellader entfernt. Muss die Show wirklich weitergehen? Nach einem solchen Erlebnis auf dem Meraner Rennplatz fragt sich der Autor, ob solche Spektakel mit der Würde von Mensch und Tier in Einklang zu bringen sind. Den Vorfall auf italienische Verhältnisse zu schieben, entlastet nicht; auch in Deutschland verunglücken regelmäßig Pferde auf Rennbahnen.

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»Der Präsident erlitt nur einen leichten Streifschuss«
Wenn Geschichte anders verlaufen wäre, als sie verlief
Regie Philippe Bruehl, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF 2015 / Wiederholung 2018

Geschichte ist klar definiert als unveränderbare Vergangenheit. Wenn sich Schriftsteller fantasievoll darüber hermachen, entsteht zuweilen eine kontrafaktische Erzählung – das Bild einer Welt, wie sie sein könnte, aber nicht geworden ist. Literaten dürfen so etwas, Historiker nicht. Wenn Professoren mit kontrafaktischen Denksprengsätzen hantieren, können sie sich den Vorwurf unwissenschaftlicher Versponnenheit einhandeln. Im angelsächsischen Raum jedoch blüht unter Fachleuten das Spiel mit der Uchronie, der Möglichkeitsform der Geschichte. Doch was bringt es, rückwirkend in Alternativen zu denken? Kontrafaktische Spekulationen offenbaren, dass nach jeder noch so kleinen Handlungsweise ein anderer Verlauf möglich wäre. Nicht nur der Erfolg von Filmen wie ‚Lola rennt‘ von Tom Tykwer oder Büchern wie ‚Vaterland‘ von Robert Harris zeigt, wie reizvoll diese geistigen Spiralen sein können.

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»Alles Müller? Oder: Der öffentliche Schwabe«
Regie Günter Maurer, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2014

700.000 Deutsche heißen Müller. Aber Christoph Müller ist einzigartig. Er war der einflussreichste Zeitungs-Verleger und der wichtigste Theaterkritiker Baden-Württembergs. Und er hat als Chef des Schwäbischen Tagblatts Herta Däubler-Gmelin vom Ministeramt »wegzitiert«. Er ist ein Kommunikationsgenie, 76 Jahre alt und Millionär, aber er trägt Kapuzenpulli und Hawaiihemd. Und man weiß nicht, ob es Stil oder Geiz ist. Jetzt aber gibt er alles. Dem Staatlichen Museum Schwerin hat er seine Sammlung niederländischer Kunst geschenkt: 155 Bilder aus dem 16. und 17. Jahrhundert im Wert von schätzungsweise 30 Millionen Euro. Müller, der sich schon 1968 als schwul outete, hat keine Nachkommen. Weitere Zuwendungen an die Allgemeinheit sollen daher folgen. Nun aber wendet sich Müller erst einmal dem Mikrofon zu. Um zu erzählen, warum er so ist, wie er ist: so schwäbisch und so öffentlich.

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»Exit«
Wenn Schriftsteller ihren Freitod schreibend vorwegnehmen
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Jörg Plath
55 min – Produktion DLR 2014 / Wiederholung 2019 und 2021

»Niemandem fehlt ein guter Grund, sich zu töten.« – »Ist es nicht besser, dem Fallbeil, das uns alle guillotiniert, zuvorzukommen?« Für sich genommen klingen diese Sätze überzogen. Mit dem Wissen um den ihnen folgenden Tod klingen sie anders. Ob Jean Améry, Wolfgang Herrndorf, Sándor Márai oder Cesare Pavese - alle diese Autoren schrieben erst über den eigenen Tod, bevor sie ihn sich gaben. Auch Erich Loest hielt es so, bevor er hochbetagt aus dem Fenster einer Klinik sprang. Geändert hat sich der Umgang mit der Öffentlichkeit. Während Cesare Paveses und Sándor Márais Suizidnotate erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurden, schrieb Wolfgang Herrndorf seinen Blog zum eigenen Sterben in aller Öffentlichkeit. Was fasziniert uns an Literatur, die ihren Wert mit dem Leben der Autoren beglaubigt? Strahlt ihre Todessehnsucht auf den Leser ab oder feiert sie das Leben? Je aktueller die Zeugnisse sind, desto stärker tritt der Freitod als Option gegen das Nichtsterbendürfen im Apparatemedizinpark in den Vordergrund. Wer den Sterbehilfeparagrafen verschärfen will, sollte zuvor die ergreifende Exitliteratur lesen.

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»Zu viel gearbeitet, vergessen, verschlampt«
Über die Psychologie des Steuerzahlens
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Martin Hartwig
30 min – Produktion DLR 2014 / Wiederholung 2015

Daran, dass sich Lottogewinner, Fußballer, Formel-1-Fahrer oder deren jeweilige Manager um die Steuer drücken, ist die Öffentlichkeit gewöhnt. Sie werden ohnehin in der Kategorie raffgierige Aufsteiger, die sich nur für sich selbst interessieren, geführt. Die Fälle Alice Schwarzer und Theo Sommer werfen ein Licht auf eine andere, (vermutlich) deutlich größere Gruppe: bürgerliche Besserverdiener, die auch gern mal Wasser predigen. 'Res Publica' haben sie stets im Sinn, außer bei der Abgabe der Steuererklärung. Da sie aber durchaus Moralisten sind und deshalb nicht einfach sagen können „Ich wollte halt alles behalten“, braucht die Lässlichkeit eine Erklärung, die vor ihnen selbst und vor der Welt Bestand hat. Geschichten rund um Steuermoral und Steuerhinterziehung.

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»Intelligenter Staub«
Sensornetzwerke durchdringen unsere Umwelt
Regie Gabriele Brennecke, Redaktion Jana Wuttke
30 min – Produktion DLR 2014

Elektronische Sensoren sind weit verbreitet und werden öffentlich kaum wahrgenommen. Dabei haben sie noch nicht, wie seit Jahren prophezeit, die Körnergröße millimeterkleiner Computer (Smart Dust) erreicht. Mit den Algorithmen der Sensor Data Fusion lassen sich aber heute schon Vorgänge überwachen, Bewegungen nachzeichnen, Auskünfte über den Zustand der Welt erhalten, ohne dass es individueller Beobachter vor Ort bedürfte. Während sich die Befürworter engmaschiger Sensornetze ökonomische Vorteile und einen Zugewinn an Sicherheit versprechen, sehen die Gegner darin eine weitere Zunahme anlassloser Überwachung. Eine Zukunftstechnologie auf dem Prüfstand.

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»Stufen rauf, Pfunde runter«
Die schwierige Überwindung der Trägheitsgesetze
Regie Autor, Redaktion Jörg Degenhardt
30 min – Produktion DLR 2014 / Wiederholung 2015

»Papa, du bist dick!« Sagt die achtjährige Tochter. Kann man so oder so sehen, aber eines stimmt: Papa macht keinen Sport. Weil er ein Manko mit sich herumschleppt: Seit Kindertagen ist er bewegungsunlustig, eine Sportunterricht-Niete, ein verspotteter Ersatzbankdrücker. Zwar hat ihn ein gütiges Schicksal die ersten drei Lebensjahrzehnte vor der Verfettung bewahrt, aber die folgenden zwei Dekaden schlich sich der Waagenzeiger kontinuierlich nach oben. Alle halbherzigen Bewegungsversuche endeten in Frust und Stillstand. Nun aber, jenseits der 50, muss etwas getan werden. Doch woher jetzt die Motivation nehmen? Können hochaktive Freizeitsportler, Motivationskünstler, Fitness-Manager helfen?


»Entweigerung«
Wiedervorlage einer Gewissensfrage
Regie Günter Maurer, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2013 / Übernahme DLR 2014

»Das hat man davon ... wenn einem als Redakteur zum Feature-Vorschlag eines Autors zu viel selbst einfällt, wenn man eigene Erfahrungen beisteuert, wenn man dies und jenes erzählt und noch eine Anekdote weiß und noch eine ... dann muss man selbst als O-Ton- Geber vors Mikrophon und in die Sendung. Als mir der Autor und Publizist Florian Felix Weyh sagte, er wolle als inzwischen 50-Jähriger seine Kriegsdienstverweigerung vor dreißig Jahren aufarbeiten und sich einer erneuten Gewissensprüfung unterziehen, waren auch meine Erinnerungen sofort geweckt. Wie war das damals im Kreiswehrersatzamt? Wer waren die Gewissensprüfer? Und wer war ich? Waren das wirklich Gewissensgründe, die einen hinderten, ›zum Bund‹ zu gehen? Oder waren es politische Gründe, die man hinter angelernten Phrasen über innere Nöte verbarg? Oder hatte man einfach nur ›keinen Bock‹ – auf Kasernenton und Stubenmief und Spieß und Spießigkeit? Wir unterhielten uns keine zehn Minuten, da meinte Florian Felix Weyh: ›Sie müssen auch im Feature vorkommen.‹ Na gut, ich hab’s gemacht. Und erfahren, wie man sich vor sich selber fremdschämen kann. Glücklicherweise hat Florian Felix Weyh aber auch noch andere Gesprächspartner gefunden. Zum Beispiel den Journalisten Klaus Pokatzky. Einst war er engagierter Kriegsdienstverweigerer. Jetzt ist er Medientrainer bei der Bundeswehr. Was für ein Wandel. Wir kennen uns nicht. Aber wir sind gespannt aufeinander. Denn es muss da eine mysteriöse Gemeinsamkeit zwischen uns geben. Jedenfalls behauptet das ein Blogger aus den Weiten des Internets. Schon 2006 schrieb er: ›Mehr als fünf Jahre war ich davon überzeugt, dass Klaus Pokatzky nur ein Pseudonym von Walter Filz ist. Nachdem ich einen direkten Vergleich gemacht habe, ist mir jetzt klar, dass dem wohl doch nicht so ist.‹ Offenbar klingen wir beide ähnlich und – so hört es jedenfalls der Blogger – neigen beide dazu, ins Mikrophon zu ›kriechen‹. Und das als Kriechdienstverweigerer ...« Walter Filz

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Kritik von Jochen Meißner in der "Funkkorrespondenz" 50/2013


»Achten und verachten«
Ein untergründiger Dialog
Regie Christiane Klenz, Redaktion Barbara Schäfer
50 min – Produktion BR 2013

Die Regelüberwacher hinken den Regelbrechern stets hinterher. Das zeigen die Plagiatsfälle in der Wissenschaft ebenso wie die Trittbrettfahrer des Sozialstaats, die Mitnahmementalität der Wirtschaft wie die Pro-domo-Politik der Parteien. Es gibt jedoch ein Mittel, um kollektive Interessen vor individuellen Prioritäten zu schützen. Der Mensch kann achten und verachten. Er braucht dazu kein Amt, kein Mandat, keine Schulung, keine gesonderte Legitimation. Die Kunst besteht darin, zu inhaltlichen Beurteilungskriterien zurückzufinden, wann jemand oder etwas zu achten und wann zu verachten sei. Denn ein inhaltsloser, nur positiver Rechtsstaat funktioniert nicht. In einem dialogischen Essay sucht Florian Felix Weyh nach einer anwendbaren Ethik im weiten Feld zwischen Achtung und Verachtung.


»Der eine macht, der andere wacht«
Peer Review als Qualitätssicherungsverfahren in der Wissenschaft
Regie Clarisse Cossais, Redaktion Kim Kindermann
30 min – Produktion DLR 2013 / Wiederholung 2014

Ursprünglich waren es tatsächlich Peers – hohe Adelige, die in den Aufbruchzeiten der Naturwissenschaften bezeugten, dass ein Experiment und dessen Ergebnisse nicht frei erfunden waren. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts gilt Peer Review als Königsweg zur wissenschaftlichen Erkenntnis: Bevor renommierte Fachzeitschriften einen eingereichten Artikel drucken, müssen sich zuvor Wissenschaftler desselben Fachgebiets dafür ausgesprochen haben. Das klingt nach hoher Objektivität, dennoch hat Peer Review keinen der großen Fälschungsskandale der Vergangenheit verhindert. Gegner des Verfahrens verweisen auf weitere Schwachstellen: Trotz Anonymisierung der Einreicher begünstige es Vetternwirtschaft, bündele Macht in den Händen von ›old boys‹ der Wissenschaftscommuity und koste viel Geld. Wie gut also ist Peer Review wirklich? Hilft es der Wissenschaft oder befriedigt es vielleicht ganz andere Bedürfnisse als nur die der Qualitätsabsicherung? Befürworter und Gegner versuchen eine Bestandsaufnahme – und lassen dabei durchaus keine Emotionen aus dem Spiel.

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AUSGEZEICHNET MIT DEM GOETHE-MEDIENPREIS 2014


»Die Kulturflüchter«
Wenn Menschen ihren Traumberuf verlassen
Regie Philippe Bruehl, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF 2013 / Wiederholung 2016

»Pläne gemacht, antipoetische Beschlüsse gefasst«, notierte Theodor Fontane. Mit 33 Jahren schien er früh ermüdet; später erwog er, eine Pension zu eröffnen. Ob höchst erfolgreich oder ewig auf den Durchbruch wartend – dass Menschen ihre mit hohem Kraftaufwand angestrebten Positionen im Kultur- und Medienbetrieb verlassen, ist kein ganz neues Phänomen. Doch es wird wenig darüber geredet. Kulturelle Milieus gelten als Paradiese, von denen der normale Arbeitnehmer nur träumen kann: Ein aufs eigene Selbst zentriertes Leben mit kreativen Herausforderungen und öffentlicher Anerkennung – wie kann man daraus nur flüchten wollen? Vielleicht weiß der Ex-Chefdramaturg, der inzwischen bei der EU arbeitet, eine Antwort. Oder jene Kulturschaffenden, die heute als Wirte, Reiseführer, Handwerker, Yogalehrer arbeiten. Sind sie freiwillig gegangen oder wurden sie von widrigen Umständen vertrieben? Fontanes literarischer Erfolg stellte sich erst ein, als er hochbetagt war – weil er vom Leben als Hausvater einer Pension dann doch abgesehen hat.

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»Im Stream«
Bringt das Netz neue Spielarten literarischer Intellektualität hervor?
Regie Klaus-Michael Klingsporn, Redaktion Barbara Wahlster
55 min – Produktion DLR 2012

Anfang des Jahrtausends galt Hypertextliteratur als letzter Schrei. Dann verschwand sie sang- und klanglos von der Bildfläche, und trotz des Siegeszugs von Internet und Smartphones scheinen sich seither literarische Ausdrucksformen wieder dem vertrauten Papier zugewandt zu haben. Doch täuscht das nicht? Haben sich nicht ganze Gattungen elektronisch emanzipiert? Die spitzzüngigsten Aphorismen finden sich mittlerweile auf Twitter, und die Form des bebilderten Essays à la Alexander Kluge hat in den sozialen Netzwerken eine ungeahnte Weiterentwicklung genommen. Freilich benutzt nicht mehr nur ein singulärer Autor diese Technik, viele Schreiber erzeugen gemeinsam den Stream. So entsteht ein vielschichtiges Text-Gedanken-Konvolut, ein kollektiver Stream of Consciousness. Allerdings bleibt die Zeitsouveränität des Lesers auf der Strecke: Der Stream will dauernd beobachtet und überwacht sein, was ihn so faszinierend wie beängstigend macht. Bildet sich hier wieder nur eine Avantgarde-Blase wie bei der Hypertextliteratur vor einem Jahrzehnt? Oder werden tatsächlich Strukturen für eine E-Literatur der Zukunft gebahnt, für eine literarisch-politische Intellektualität, die irgendwann den papierenen Diskursen den Rang ablaufen wird?

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»Gelehrter als der Kaufmann, kaufmännischer als der Gelehrte«
Requiem auf den Antiquariatsbuchhandel
Regie Günter Maurer, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2012 / Übernahme DLF 2014

Sie haben nichts Neues zu verkaufen: die Antiquare. Muffig klingt das Wort, muffig riecht die Ware. Und wenn es sich nicht um wirklich wertvolle Werke handelt, muss man beinahe von Altpapier sprechen. Die Masse der Gebrauchtbücher wird immer größer, der Preiskampf im Internet ist ruinös, Lagerkosten und Ladenmieten steigen. Wer außer ein paar Liebhabern braucht alte Bücher, wenn deren Inhalte digital vorliegen? Ist der Antiquariatsbuchhandel das aussterbende Geschäft einer aussterbenden Spezies? Wird es den notorisch schrägen Altbuchhändler bald nur noch als literarische Figur geben – in Büchern, die auch nur noch antiquarisch sind? Und: Wäre das eigentlich schlimm??

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Ausführliche Besprechung auf radio-machen.de
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»Filterwelten«
Vom Sieben der Wirklichkeit
Regie Katrin Moll, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF 2012 / Wiederholung 2015

Filter und Siebe stecken überall – kleine Helfer, die Schmutziges sauber und Durchmischtes rein machen. Als der Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs unübersehbar wurde, führte die Tabakindustrie die Filterzigarette ein, die vorgegeblich Schadstoffe fernhält und einen ungefährlichen Konsum ermöglicht. Viele Raucher glauben das bis heute – Beweis des guten Leumunds, den der Filter hat. Doch neuerdings wird vor der „Filter-Bubble“ gewarnt, einer Welt, in der Informationen vom Computer so personalisiert werden, dass alle Menschen irgendwann in isolierten Ego-Blasen leben. Bedrohen Filter unser Wahrnehmungsvermögen? Eigentlich fühlt es sich umgekehrt an, gerade die digitale Entwicklung verlangt nach Sperren, die uns vor der Informationsflut schützen. E-Mail-Konten ohne Spamfilter – ein Alptraum! Surfen ohne vorstrukturierende Suchmaschinenalgorithmen? Undenkbar. So ist es hohe Zeit, den vielfältigen Filtern ringsum Aufmerksamkeit zu schenken und zu fragen, was wir mit ihnen und sie mit uns machen. Entreichern oder veredeln Filter unser Leben? Falls paradoxerweise beides zugleich zutrifft: Wie sollen wir mit ihrem janusköpfigem Wesen umgehen?

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»Der aufgeklärte Opportunist«
Utopien für den schwachen Menschen
Regie Christiane Klenz, Redaktion Barbara Schäfer
55 min – Produktion BR 2011 / Wiederholung 2012

Opportunismus gilt als schimpflich, verkörpert er doch mangelnde Verlässlichkeit und fehlenden Mut. Dennoch kommt keine moderne Gesellschaft ohne mitlaufende, angepasste und damit opportunistische Massen aus. Man kann davon ausgehen, dass der Herdentrieb eine universelle menschliche Eigenschaft ist. Dennoch gilt der Opportunist als wenig wertvoll und in seiner Massierung als Totengräber der Demokratie. Da ist Aufklärung vonnöten: Die Erkenntnis, dass Anpassungsbereitschaft als positives Steuerungselement benutzt werden kann. Florian Felix Weyh skizziert in seinem Essay den aufgeklärten Opportunisten, der konstruktiv mit erkannten Schwächen umgeht. Der weiß, dass er Belohnungsmechanismen gegenüber anfällig bleibt und nicht versucht, sich darüber hinwegzusetzen. Der seiner staatsbürgerlichen Pflicht nach kommt, indem er sich dafür einsetzt, dass die Belohnungsmechanismen insgesamt im Sinne des bestmöglichen Nutzens für alle geändert werden, auch wenn ihm diese Änderung persönlich schadete.

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»Die Formel«
Wenn die Welt auf einen Code zusammenschrumpft
Regie Philippe Bruehl, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF 2011 / Wiederholung 2014 und 2021

Wo sich Wissen in Formeln verdichtet, wird es unantastbar. Niemand kann es mehr bezweifeln. Zunächst einmal schüchtert die formale Notation von Algorithmen ein, während Formeln zugleich den Menschen magisch anziehen. Ob Waschmittelformel oder Coca-Cola-Mixtur – wer die Formel hat, der hat die Macht. Jenseits trivialer Mythen fragt das Feature: Was können Formeln überhaupt? Wo stoßen sie an ihre Grenzen, wann werden sie unsinnig? Wann dienen sie der Verschleierung von Unwissen? Die Sendung versammelt kuriose Beispiele aus allen Lebensbereichen wie aus seriöser Physik und Mathematik und durchforstet den Formelwald auf nützliche Algorithmen. Sogar die ›Weltformel‹ wartet im Rara-Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek auf ihren Entdecker – wobei sich dahinter freilich eine menschliche Tragödie offenbart.

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»Superheld trifft Superhirn«
Wissenschaftsthriller als verkappte Sachbücher
Regie Klaus-Michael Klingsporn, Redaktion Barbara Wahlster
55 min – Produktion DLR 2011

Sie sind schlau und böse – oder sie sind brillante Retter der Welt! In Wissenschaftsthrillern müssen die Protagonisten mehr als nur schusswaffentauglich sein. Wo abgefeimte Superhirne die Welt bedrohen, bedarf es intellektuell überragender Superhelden, um sie niederzuringen. Seit in Frank Schätzings »Schwarm« eine bedrohliche Intelligenz aus dem Meer aufstieg, erlebt die junge Gattung einen rasanten Aufschwung. Verächter von Unterhaltungsliteratur erleben eine handfeste Überraschung: »Der Schwarm« ist ein verkapptes Sachbuch, und nicht nur er. Ozeanografie, Astrophysik, Klimaforschung, Genetik, Mathematik, Informatik – vor allem spröde Naturwissenschaften finden in Wissenschaftsthrillern eine populäre Verbreitungsform. Selbst Gelegenheitsleser zeigen sich plötzlich motiviert, dicke Bücher durchzuarbeiten. Was lässt sie mitten im spannendsten Plot mehrseitige Ausführungen zu einem abgelegenen Spezialthema ertragen? Wie gelingt es, eine Spannungshandlung so mit den anspruchsvollen Inhalten zu verbinden, dass die Schweißnähte der Konstruktion unsichtbar bleiben?

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»Störung hören«
Wenn Geräusche irritieren
Regie Philippe Bruehl, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF mit SWR 2010 / Wiederholung DLF 2013 und 2021

Plötzlich ist da ein hohes Sirren im Raum: Kündigt sich ein Tinnitus an oder meldet sich nur ein defektes Heizungsventil? Dann folgt ein arhythmisches Klopfen: Defekte Pumpe oder Poltergeist? Die Beunruhigung wächst. Ist die Störung natürlich oder unnatürlich? Hat sie überhaupt physikalisch stattgefunden - oder ereignet sie sich nur im eigenen Kopf? »Störung hören« macht sich auf die Suche nach irritierenden akustischen Phänomenen: Der unrunde Motorenklang, das Rasseln in den Lungenflügeln. Im Magen-Darm-Trakt ertönen wahre Kakophonien – welche Geräusche aber geben Grund zur Sorge? Es gibt technische Störungen – auch im Rundfunk – und psychische, die sich in winzigen Verschiebungen der Stimmfrequenz niederschlagen. Dabei stiften uns sinnvolle Störgeräusche zu Reparaturhandlungen an, und auf der Intensivstation verweisen nervige Piepsgeräusche auf akuten medizinischen Handlungsbedarf. »Störung hören« spitzt die Ohren und fragt Fachleute verschiedenster Fachrichtungen, wann eine akustische Irritation Informationen enthält, die man nicht leichtfertig ignorieren sollte. Am Ende ist der Hörer ein geschulter Störungshörer ... oder ein nervöser akustischer Hypochonder.

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»Die Ungelesenen«
Über das Schlimmste und Normalste, was Büchern und Autoren passieren kann
Regie Günter Maurer, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2010 / Übernahme BR 2011, NDR 2011, DLF 2012

Der Bücherberg wächst jedes Jahr um Hunderttausende. Niemand kann sie alle lesen. Aber kann es sein, dass es Bücher gibt, die niemand liest? In manchen Bibliotheken finden sich Jahre und Jahrhunderte alte Bücher, deren Seitenbögen bis heute nicht aufgeschnitten worden sind. Kommt irgendwann der Tag für sie? Aber auch aktuelle Bücher können sich ihrer Leser nicht sicher sein. Wenn die Auflage klein ist und der Käuferkreis noch kleiner und man bei keinem Käufer weiß, ob er das Buch je aufschlägt. Florian Felix Weyh - selbst Buchautor - unternimmt eine Reise in ein unbekanntes Land, ein Land des Vergessenen und Verbotenen. Und er stellt eine verbotene Frage: Sollte man Bücher mit einem Verfallsdatum versehen? Und danach in den Papiercontainer werfen?

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»Stiefkind des Literaturbetriebs«
Eine Geschichte des Sachbuchs
Regie Autor, Redaktion Anja Brockert
30 min – Produktion SWR 2010 / Übernahme SR 2010

Der erste deutsche Literaturnobelpreisträger war ein Sachbuchautor, der Historiker Theodor Mommsen. Er erhielt den Preis 1902 für seine »Römische Geschichte«. Als 1908 ein zweiter Deutscher gekürt wurde, traf es mit Rudolf Eucken wiederum keinen Belletristen, sondern einen Philosophen. Das Sachbuch hat eine lange, ruhmreiche Geschichte bis zurück ins frühe 19. Jahrhundert. Doch im Feuilleton und bei den Buchkäufern gilt es weiterhin als zweitrangige Textsorte. Nur rein nutzenorientierte Leser, so das Vorurteil, zögen das Sachbuch dem höherwertigen Roman vor. Ein Blick in die Geschichte des populären Sachbuchs zeigt jedoch, dass sich die Highlights des Genres weder sprachlich noch ästhetisch zu verstecken brauchen. Längst hat das Sachbuch eigene erzählerische Standards etabliert – und wer viele Sachbücher liest, wird zumindest nicht dümmer. Höchste Zeit also, dem Stiefkind des Literaturbetriebs mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

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»Beim Halma gibt's keinen Elfmeter«
Wie Spielregeln entstehen, warum man sie einhält, und wo der Ernst des Lebens beginnt
Regie Rita Höhne, Redaktion Tanja Runow
55 min – Produktion DLF 2009

Skatrunden, Fußballfans, Schachfreunde, Kinder – alle beschäftigen sich mit ihnen: den Spielregeln. Werden die Regeln auf dem Fußballplatz verletzt, kochen die Emotionen hoch. Beim Mensch-ärgere-dich-nicht sorgen sie für Spannung, zugleich aber auch für Unfrieden: Spielregeln müssen kein reines Glück bescheren! Manchmal sind sie bizarr, manchmal einleuchtend, beim Meta-Spiel Nomic können die Spieler die Regeln sogar selbst ändern. Wer erfindet Spielregeln? Und warum unterwerfen sich ihnen Menschen freiwillig, ja klagen sie auch in der realen Welt ein (etwa wenn sich Manager nicht mehr »an die Spielregeln des Marktes halten«)? Zuweilen dient solch ein Appell nur als Metapher für den Ruf nach härteren Gesetzen. Doch letztlich basieren in der Demokratie einige Rechtsnormen auf freiwilligen Vereinbarungen So entdeckte schon der Soziologe Max Weber im Spiel Züge einer friedlichen Gesellschaftsordnung. Auch heute untersuchen Soziologen, Juristen und Demokratietheoretiker Spielregeln auf ihren theoretischen Wert und analysieren die Positionen von Schiedsrichtern, Spielverderbern und Falschspielern. Denn auch spielerischer Zeitvertreib kann existenziell bedeutsam sein, wie der Schachgroßmeister Paul Keres verriet: »Man gibt Pakete auf, aber keine Schachpartien!«

AUSGEZEICHNET MIT DEM ALEX-Medienpreis 2010


»Design Deutschland«
Eine Wiederbegegnung
Regie Günter Maurer, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2009 / Übernahme WDR 2010

Er war jung und brauchte das Geld. Die Mauer war kaum gefallen, da schrieb der 26-jährige Jungdramatiker Florian Felix Weyh eine satirische Hörspiel-Utopie zur Wiedervereinigung: dreist, giftig, höhnisch – wie es sich für Jungautoren gehört. Doch obwohl er sich beeilte und sein Skript im Dezember 1989 bereits fertig hatte, entwickelten sich die realen Ereignisse rasanter als man sie überspitzt karikieren konnte. Das Hörspiel wurde nie produziert. Jetzt, 20 Jahre später, hat Weyh das Manuskript noch einmal aus der Schublade geholt und festgestellt: In der Sache lag er mit seiner Wiedervereinigungs-Utopie gar nicht so falsch. Was aber seine damalige Haltung betrifft, da erweist sich das Hörspiel als peinlich präpotent, politisch naiv und historisch blind – und also ganz typisch für die erste Reaktion der jüngeren Generation auf die Wende. Die SWR-Featureabteilung inszeniert erstmals Teile von Weyhs 20 Jahre alter Hörspiel-Utopie – und konfrontiert sie mit der realen Gegenwart, auch der ihres Autors.


»Wenn der Hase länger trommelt als der Turnschuh blinken kann«
Kultur und Karriere der Batterie
Regie Günter Maurer, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2009 / Übernahme DLF 2011

1,3 Milliarden Batterien werden in Deutschland jedes Jahr in Geräte gesteckt. Und 1,1 Milliarden nach Verbrauch weggeworfen. Das ärgert Umweltschützer. Zu Recht. Aber was wären wir ohne die kleinen (oder auch größeren) Energiebündel? Wir würden ein erhebliches Stück Freiheit (und Freizeit) verlieren. Außerhalb des Hauses und jenseits von Stromleitungen wären wir zurückgeworfen in stille Finsternis: unterwegs ohne Licht und Ton, ohne Auto, ohne Handy, ohne Radio. Und ohne Hasen ... 1973 wurde der batteriebetriebene Werbetrommler geboren, dessen Zellen angeblich länger halten als die der Konkurrenz. In zig Werbespots hat er seine Ausdauer demonstriert. Jetzt feiert der prominente Reklameheld ein Comeback. Als Zeitzeuge, Experte und kompetenter Moderator eines Features über Kultur und Karriere, Vergangenheit und Zukunft der Batterie.

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»Der Kulturfunktionär«
Auf der Suche nach einem scheuen Wesen
Regie Rita Höhne, Redaktion Klaus Pilger
55 min – Produktion DLF 2008 / Wiederholung 2012

Natürlich gibt es ihn nicht mehr, den Kulturfunktionär. Als Teil des Staatskunstbetriebs der DDR ist er 1989 untergegangen. Aber jemand muss auch in der Demokratie seine Arbeit erledigen, pro Jahr acht Milliarden Euro Subventionen unters Volk bringen oder als Verbandslobbyist die Interessen von Eigenbrötlern vertreten. Also gibt es ihn doch, den Kulturfunktionär. Er wirkt als städtischer Angestellter oder Geschäftsführer einer Organisation oder steht einem Verein ehrenamtlich vor. Nur mag er nicht, wenn man ihn so nennt, »Kulturfunktionär« - wie klingt das denn? Nach geistiger Enge, Bürokratie und Gängelei. Er ist ein scheues Wesen und wittert hinter jeder zweiten Frage eine Anschuldigung: Behaupten die Künstler nicht, er verzehre mit seinem fixen Gehalt Gelder, die sie viel produktiver verwenden würden? Arbeitet er nicht der Bürokratie zu? Ein Spannungsfeld. Ein spannendes Feld. Am Ende beneidet der Künstler den Funktionär, und der Funktionär den Künstler. Dabei können sie ohne einander gar nicht sein, denn der Kulturfunktionär versöhnt die Kultur mit der Verwaltung. Zumindest versucht er es.

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»Reich das mal ein!«
Journalistenpreise zwischen PR-Anstrengung und Qualitätsauslese
Regie Günter Maurer, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2008 / Übernahme DLF 2009

Der Journalist nimmt, lächelt – und schweigt. Etwa 300 Journalistenpreise werden jährlich im deutschsprachigen Raum vergeben. Darunter sind einige honorige, aber auch manche nicht ganz so ehrenwerte Auszeichnung, die eher dem Preisverleiher selbst nützt – als Werbung. Vor allem die mittelständische Wirtschaft lockt gern mit der Aussicht auf lukrative Preise, damit etwas Freundliches über ihre Branche geschrieben wird. Mit 10.000 Euro ist der Deutsche Preis für Immobilienjournalismus dotiert, 18.000 Euro ist der Medienpreis Friseur wert. Und unglaubliche 50.000 Euro lässt sich der Unternehmer Hans Strothoff seinen Hans-Strothoff-Journalistenpreis kosten. Und führe uns nicht in Versuchung ... Florian Felix Weyh, Autor, Journalist und nicht ganz neidloser Nichtpreisträger, hat sich umgeschaut, wo für Leute wie ihn was zu holen ist, und ab wann sich dabei das Gewissen meldet.


»Der Keller«
Eine unterirdische Begehung in fünf Gängen
Regie Johannes Mayr, Redaktion Walter Filz
55 min – Produktion SWR 2007 / Übernahme DLF 2008

Versteck, Verlies und Vorratslager, Ort des Verdrängten, Vergessenen und Verbotenen oder auch wilder Partys – das alles ist der Keller. Der eine hat eine Leiche drin, der andere nur Einweckgläser. Und viele haben dunkle Erinnerungen: Kohlengeruch und Kindergrusel. In fünf Gängen steigt Florian Felix Weyh in die Tiefen des Kellers und seiner Mythen und Wirklichkeiten. Die sinnliche Kellerwelt mysteriöser Gerüche wird ebenso erkundet wie der schützende Kellerbunker oder die Abgründe abgelegter Vergangenheiten. Architekten, Lageristen, Bühnenbildner, Handwerker, Historiker, Häuslebauer und andere Kellerkinder erzählen ihre finstersten Erlebnisse im Tiefgeschoss und berichten von ihren strahlendsten Eingebungen – im Dunkelgeschoss unter der Oberfläche aller Überbauten


»Sand in den Augen der Welt«
Vom Tafelglas zur Mattscheibe – ein Werkstoff macht Weltbilder

Regie Anna Hartwich, Redaktion Andreas Wang
59 min – Produktion NDR 1998

Es ist derselbe Werkstoff, aus dem Computerchips und Glas gemacht sind: Silizium – also Sand. Wie Glas zunächst nur Licht durchließ, dann immer durchsichtiger wurde, bis es durch die Mattscheibe Weltbilder zu prägen begann, erzählt dieses Feature. Nebenbei prägt es noch einen Neologismus, nämlich die zur Industrieware herabgesunkene Glaskunst: »Glunst kann funkeln wie ein Bleikristallpokal, renommieren wie eine Achatglasschale, strahlen wie eine urangrüne Zuckerdose, auf bieder mimen wie ein Weinrömer oder sich hochstaplerisch in fremde Gewänder hüllen, als Silber- und Goldglas Me­talle simulieren, als Milchglas Porzellan. Es bleibt doch Glunst, ein in Farb- und Formge­bung vergewaltiger Werkstoff, dessen Eigenheiten hinter dem fremden Gestaltungswillen verschwinden.«

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